Zuhören ohne Vorurteile
Von Udo Seelhofer, 94. Jahrgang, 3/2026, aus Granatapfel - Das Magazin der Barmherzigen Brüder
Globale Krisen, Pandemie, dazu der alltägliche Leistungsdruck und das Erwachsenwerden: Kinder und Jugendliche stehen immer mehr mentalen Herausforderungen gegenüber. Dabei ist es wichtig, sie zu unterstützen.
„Junge Menschen, die jetzt aufwachsen, tun das in einer ganz anderen Welt als die Generationen davor", erklärt die Psycho-login Mag. Dr. Caroline Culen. Themen wie Globalisierung, weltweite Vernetzung und das „Internet in der Hosentasche" habe es früher nicht gegeben. Pubertät und Adoleszenz seien eine vulnerable Phase, wo auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene viele Änderungen geschehen. Jugendliche seien heute mit Informationen aus der ganzen Welt konfrontiert und „mit Anforderungen, die weit über ihren Alltag hinausgehen. Das ist ein Riesenstress." Oft haben Jugendliche auch mit Leistungsdruck, zum Beispiel in der Schule, zu kampfen. Bis sie sich Hilfe suchen, dauere es mitunter sehr lange, „da sie in vielen Dingen noch sehr unerfahren sind, noch nicht wissen, was ihnen guttut und den Anspruch an sich selbst haben, es allein hinzukriegen". Typische Signale, dass etwas nicht stimme, seien Probleme beim Schlafen oder Essen. Auch die Frage, wie breit die Gefühlspalette sei, sei wichtig:
„Sobald sich diese einengt auf ,nur traurig" oder ,nur hoffnungslos', wird es schwie-rig." Der Journalist und Buchautor Golli Marboe ergänzt: „Deshalb treten wir dafür ein, dass wir es im Hinblick auf psychotherapeutische oder psychologische Unterstützung so halten können wie mit dem Zahnarztbesuch. Dort gehen wir auch hin, um ein Loch im Zahn behandeln zu lassen, damit wir später keine Wurzelbehandlung brauchen." Culen und Marboe wollen mit ihrem neuen Buch „Jugend unter Druck" Bewusstsein dafür schaffen, dass man sich Hilfe holen kann, schon bevor eine Katastrophe passiert ist.
Generell sind Pubertät und Adoleszenz eine Zeit der Krisen und Veränderungen. Dadurch ist es für Erwachsene manchmal nicht leicht zu erkennen, was normales pubertäres Verhalten ist und wann eingegriffen werden sollte. Eine Grenze sei laut Caroline Culen dann erreicht, wenn die Kinder und Jugendlichen anderen oder sich selbst schaden, zum Beispiel durch aggressives Verhalten oder Selbstverlet-zung. Auch wenn Perspektivlosigkeit und Zukunftsängste eintreten, sollte man mit den Betroffenen sprechen. Viele könnten ihre Situation sehr gut einschätzen, aber:
„Manche sind dann schon so weit drinnen, dass sie sich selbst nicht mehr spüren. Dann muss man schnell handeln."
ÜBER GEFÜHLE REDEN Gerade Erziehungsberechtigte, Lehrerinnen und andere Erwachsene sollten jungen Menschen ermöglichen, ungestört und in Ruhe über Gefühle reden zu lernen. Das müsse ge-schehen, ohne dass diese glauben, sich vor Freund:innen zu blamieren, oder denken, dass es nur ihnen so gehe. Mag. Dr. Culen betont, dass es die wichtigste Aufgabe von Eltern sei, Kinder liebevoll und zuversichtlich zu begleiten. „Das heißt sehr oft, einfach zuzuhören. Gerade bei Themen, wo man sich nicht sicher ist und keine Antwort weiß." Zu fragen, welche Themen die eigenen Kinder derzeit beschäftigen, und ihnen zuzuhören, ohne zu urteilen, sei wichtig. „Das können Eltern immer übernehmen, ohne Expertinnen zu sein." Andererseits müssen Eltern erkennen, dass sie für ernsthafte Probleme, wie zum Beispiel Essstörungen, nicht die Patentrezepte zuhause haben und professionelle Unterstützung holen sollten, so Marboe. Die Angst, dass es ein schlechtes Licht auf sie als Eltern werfe, wenn das Kind Probleme hat, sei unbegründet. Erziehungsberechtigte sollten außerdem auch auf sich schauen und sich bei Problemen Hilfe holen, sagt Golli Marboe. Caroline Culen stimmt dem zu: „Eltern sollten über die eigenen Sorgen und Gedanken sprechen. Miteinander, mit anderen Eltern und vielleicht mit den Großeltern, die einen anderen Blick darauf haben" Sie plädiert auch für mehr Austausch an den Schulen.
WETTBEWERB VON ANFANG AN Im Schulwesen spricht sich Golli Marboe für eine Änderung aus. Oft drängen Elter da-rauf, dass ihre Kinder nach der Volksschule ins Gymnasium kommen. Besser wäre aber eine gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen, da die Kinder so nicht bereits in jungen Jahren selektiert werden. Diese wäre auch besser für Psyche und Bildungschancen Neben der Schule sei auch die Vorbildfunktion der Erziehungsberechtigten zuhause wichtig. Marboe nennt als Beispiele die sozialen Medien und das Handy: „Wenn Eltern selbst dauernd am Smartphone sind, ist es unglaubwürdig, wenn sie sagen, dass Jugendliche das Handy weglegen sollen." Tun Erwachsene das selbst und sprechen mit der Familie, „hat man eine plausible Vorbildwirkung".
PANDEMIE FÖRDERT DISKUSSION
„Wenn Covid etwas Gutes hatte, dann dass wir damit begonnen haben, über psychisches Wohlbefinden in der Öffentlichkeit zu sprechen", sagt Golli Marboe. Der öffentliche Diskurs sei viel größer geworden. Jungen Menschen, die sich in einer Krise befinden, rät Mag. Dr. Culen, mit einer Vertrauensperson zu sprechen. Marboe empfiehlt die Initiative „Gesund aus der Krise" des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und des Verbandes der Psychotherapeut: innen. Jugendliche können dort ohne Überweisung 15 Behandlungseinheiten bekommen, wenn sie diese benötigen. „Dort ist man in guten Händen", betont Golli Marboe.
Von Udo Seelhofer, 94. Jahrgang, 3/2026, aus Granatapfel - Das Magazin der Barmherzigen Brüder