Psychische Erkrankungen zwischen Tabu, Behinderung und Inklusion

Von Licht ins Dunkel, 19.02.2026, aus Licht ins Dunkel

Psychische Erkrankungen sind nicht sichtbar, was bei Betroffenen einen großen gesellschaftlichen Anpassungsdruck erzeugt. Um Tabus und Stigma zu bekämpfen, braucht es Mut, Offenheit und solidarisches Engagement.

Dies sind zwei der Erkenntnisse des vierten LICHT INS DUNKEL-Dialogforums, das wir in Kooperation mit VsUM / mental health days durchgeführt haben. Rund 80 Erfahrungs- und Fachexpert*innen, Menschen aus der Behinderten-Community, aus Medizin und Psychologie, der Politik und Verwaltung sowie aus der Wirtschaft diskutierten dabei unter dem Titel „Psychische Erkrankungen zwischen Tabu, Behinderung und Inklusion“. Sie tauschten sich aus, brachten sich mit ihren Erfahrungen ein und skizzierten (neue) Wege im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Dabei waren sich die Teilnehmer*innen einig: Inklusion auf allen Ebenen ist kein nice-to-have, sondern ein Menschenrecht.

Stigmatisierung führt zu Gefühlen der Scham, Schuld und Schwäche

Anders als bei körperlichen Einschränkungen fehlt bei psychischen oft der Vergleichswert. Und so ist vielen anfangs gar nicht bewusst, dass ihr Zustand nicht „normal“ ist. Denn der Übergang von einer temporären psychischen Belastung, wie sie alle zu unterschiedlichen Zeiten erleben, zu einer akuten psychischen Erkrankung kann sich schleichend gestalten. Hält der Zustand mindestens sechs Monate an, so spricht man entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention von einer Behinderung. Viele Betroffene eint dabei eine Erfahrung: Der Weg zur Diagnose dauert lang.

Nicht zu funktionieren wird als Schwäche angesehen, für die man noch dazu selbst schuld wäre. Und so verwundert es nicht, dass 50 Prozent der Teilnehmer*innen am Dialogforum bei einer Umfrage vor Ort angaben, dass sie Stigmatisierungen am häufigsten im öffentlichen Raum begegnen, 33 Prozent bei der Arbeit und 17 Prozent in der Familie. Es gäbe zwar auch positive Beispiele, wo Medien bei der Entstigmatisierung helfen, es wäre jedoch an der Zeit, von Awareness ins Handeln zu kommen und mentale Gesundheit schon früh im Leben zum Thema zu machen. Denn hier orteten die Teilnehmer*innen Handlungsbedarf: Sie meinten mit 86 Prozent, dass junge Menschen heute eine höhere psychische Belastung haben als früher. Besonders trifft dies auf Young Carers zu – Kinder, und Jugendliche, die mit Eltern mit einer psychischen Erkrankung leben. Sie stehen unter mehrfachem Druck und das Tabu, über die psychische Erkrankung zu reden, lastet meist schwer auf ihren Schultern. Aus diesem Grund fördert LICHT INS DUNKEL mehrere Projekte, die Young Carers stärken.

Teilhabe und Inklusion von Menschen mit psychischen Behinderungen

An Dialogtischen wurde auch die Frage diskutiert, ob es einen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und anderen Behinderungen gibt, seien es körperliche, kognitive oder Sinnesbehinderungen. Hier kamen die Teilnehmer*innen zu keinem eindeutigen Befund. So beantworteten 56 Prozent die Frage „Glauben Sie, dass beim Vorliegen einer körperlichen Behinderung eine psychische Erkrankung eher auftritt“ mit „Ja“, 21 Prozent mit „Nein“ und 23 Prozent mit „Weiß nicht“. Sie kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass Teilhabe Auswirkung auf die psychische Gesundheit hat. Denn Menschen, die aufgrund einer Behinderung strukturell ausgeschlossen werden, leben mit einer starken psychischen Belastung.

Was die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit psychischen Behinderungen betrifft, so sollte sich die Gesellschaft die Frage stellen, wie sie öffentliches Bewusstsein schafft und unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen kann. Hier ist vor allem auch die Politik gefragt, denn Awareness allein reicht nicht aus.

Bewusstseinsbildung im Dialog

Mit den Dialogforen leisten wir einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung und öffnen einen Diskursraum. Bei diesen Veranstaltungen beleuchten wir, vor welchen Herausforderungen Menschen mit Behinderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen stehen und welche Lösungen es gibt. Der Blick ist dabei klar nach vorne gerichtet. Das erste Dialogforum beleuchtete den Themenkreis „Partnerschaft, Sexualität, Familie“, das zweite befasste sich mit „Freizeit ohne Hindernisse: Dialog für mehr Inklusion in Sport und Kultur“, das dritte trug den Titel „Inklusive Arbeitswelt = zukunftsorientierte Arbeitswelt“.

Die Dialogforen selbst sind Beispiele gelebter Inklusion. Sie finden an einem baulich barrierefreien Ort statt. Es gibt Dolmetschung in Österreichischer Gebärdensprache, Live-Schriftdolmetschung, eine graphische Zusammenfassung in einfacher Sprache sowie einen Ruheraum. Und vor allem, Menschen mit Behinderungen und Erfahrungsexpert*innen werden aktiv eingebunden.

Wir danken Barbara Sima-Ruml und Rupert Roniger für ihren fachlichen Input und die Moderation. Wir werden die eingebrachten Wünsche und Forderungen gerne im Austausch mit Interessensvertretungen weitergeben und sie weiter diskutieren. Hier können Sie die Abschrift der Post-Its der Diskutant*innen an den Dialogtischen einsehen.

Von Licht ins Dunkel, 19.02.2026, aus Licht ins Dunkel

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Zuhören ohne Vorurteile